Arbeit bis zum letzen Atemzug

Der eine ist Unternehmer, der andere arbeitet nebenbei. Einer führt dieselbe Firma wie früher, der andere hat einen neuen Job gefunden. Doch Heinrich Rabe und Manfred Brüggemann haben eins gemeinsam: Sie arbeiten noch im Rentenalter.

Delmenhorster Kreisblatt, 2. April 2009

Schrotthändler Heinrich Rabe.
Heinrich Rabe (86) vor Altautos seiner Verwertungsfirma "Auvera". Seit fast 40 Jahren führt er das Unternehmen.

Im Spiegelbild der Neonröhren wirkt der blanke Boden wie ein Schachbrett. Manfred Brüggemann lässt den Blick durch die Turnhalle schweifen. Wieder alles sauber. Er hat auf einer langen Holzbank hinter dem Handballtor Platz genommen. Eine Baseballkappe verdeckt das dünn gewordene Haar, an den Schläfen trägt er graue Koteletten. Wie jeden Morgen unter der Woche hat er geputzt: zwölf Toiletten, drei Duschen, einen Turnhallenboden in weniger als drei Stunden. Der 77-jährige Delmenhorster hört das Echo seiner Stimme in der leeren Halle klingen: “Zuhause frühstücke ich erstmal mit meiner Frau, dann lege ich mich für eine Stunde hin. 6.55 Uhr zeigen die roten Ziffern auf der Digitaluhr oben an der Wand.

Seit acht Jahren putzt Manfred Brüggemann jeden Morgen die Turnhalle der Lise-Meitner-Schule, einer Gesamtschule in Stuhr-Moordeich, um sich zur Rente etwas hinzu zu verdienen. Um vier Uhr fängt er an, isst vorher einen Zwieback mit Pfefferminztee. Um die drei Stunden braucht er mit der großen Wischmaschine zum Schieben, mit Mob und Lappen.

“Ich wüsste ja gar nicht, was ich zuhause machen sollte”

In einem Klinkerbau in Delmenhorst streichen faltige Hände über glattes Leder. Heinrich Rabe hat sich langsam in die Couch sinken lassen. So schnell geht es nicht mehr, seit er ein paar Mal gestürzt ist. Durch weiße Vorhänge fällt Licht auf sein weißes Haar, vor den blaugrünen Augen sitzt eine randlose Brille. Warum er in dem Alter noch arbeitet? Seine Autoverwertung führt? Rabe denkt kurz nach, wie vor allen seinen Antworten. “Ich bin ja noch nicht alt. Ich bin ja erst 86.” Er lächelt. Seine Mitarbeiterin Melanie Ebel, 36, bringt Kaffee. Er sieht ihr kurz nach. “Sie weiß, dass ich sie brauche”, sagt er, als sie aus dem Raum ist. Mit zwei Frauen arbeitet er jeden Tag im verglasten Büro nebenan, zwischen Stapeln von Quittungen, Ordnern und Notizzetteln. Immer von acht bis achtzehn Uhr. Wie vor 37 Jahren, als er seinen Betrieb “Auvera” gründete, der Autos abschleppt und Schrott verwertet.

“Hier sitzt so unglaublich viel Staub drin”, sagt Manfred Brüggemann und schaut noch einmal auf den Boden. In einer Stunde kommen die Schüler zum Sportunterricht, später trainieren die Vereine in der Halle. Die Beine hochlegen und ein ruhiges Rentnerleben führen will er noch nicht. “Ich wüsste ja gar nicht, was ich zuhause machen sollte”, sagt er, fügt aber später hinzu, dass er doch immer was finde, Holz hacken zum Beispiel oder am Auto schrauben. “Durch die Arbeit hier muss ich nicht so genau auf den Euro gucken”, sagt Brüggemann, und schließlich ist da immer noch das Haus abzubezahlen, das er 1975 gebaut hat.

Acht Jahre putzt er hier, zuvor war er zehn Jahre Platzwart beim TV Jahn. Ein Ganztagsjob, den er machte, bis er zwei neue Hüftgelenke bekam. Davor liegen 40 Jahre als Kranführer auf dem Bau, die meiste Zeit auf Montage, in Hamburg, Köln, Berlin. Klar, am liebsten würde er das immer noch machen. Aber der Körper nicht. Und die Putzarbeit gefällt ihm ja – “auch die verstopften Toiletten machen mir nichts aus.”

“Ich bin ja noch nicht alt. Erst 86”
Manfred Brüggemann putzt noch im Rentenalter.
Manfred Brüggemann (77) bessert sich die Rente auf, indem er die Turnhalle einer Gesamtschule in Stuhr putzt.

1972 meldete Heinrich Rabe “Auvera” als Gewerbe an: “Autoverwertung Rabe” – auf den Namen seiner Frau, weil er hauptberuflich noch bis 1975 Polizist war. “Damals gab es in Delmenhorst sechs Abschleppunternehmen, heute nur noch eins”, erzählt er. “Bis vor einem Jahr habe ich selbst noch auf dem Abschleppwagen gesessen. Ich habe damit aufgehört, als meine Leute mir beim Einsteigen helfen mussten.” Heute kümmert er sich darum, dass die Fahrzeuge auf seinem Hof fachgerecht zerlegt und entsorgt werden, er verhandelt mit Kunden über Schrottpreise, die seit der Einführung der Umweltprämie stark eingebrochen sind. “Da kann ich auch mal auf stur schalten, wenn einer zu wenig zahlen will. Und wenn der auch stur bleibt, lasse ich ihn ziehen.

Den Putzjob will Manfred Brüggemann noch bis zu den Sommerferien machen. In Urlaub fährt er nicht mehr, aber einige Ausflüge mit seiner Frau will er unternehmen. Hat er Angst vor Langeweile? Der 77-Jährige legt die Stirn in Falten, nickt. “Tüchtig”, sagt er, vor allem im Winter, wenn er sich nicht um den Garten hinter seinem Haus kümmern kann.

Heinrich Rabe kennt gar keinen Urlaub. Seine Frau ist ein paar Mal mit Bekannten weggefahren, er blieb in Delmenhorst und kümmerte sich um die Firma. Für ihn keine verlorene Zeit: “Das ist mein Leben”, sagt er und betont jedes Wort einzeln. Arbeiten will er noch “bis zum Umfallen”, sagt er, “zumindest bis 90 wäre schön.”


Arbeiten im Alter

Sich mit 65 zur Ruhe zu setzen, ist längst nicht mehr selbstverständlich. Nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit waren in Deutschland Mitte 2008 knapp 747.000 Menschen über 65 geringfügig (bis zu 15 Stunden pro Woche), gut 126.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. In der Altersgruppe 65 bis 74 Jahre machen sie zusammen gut acht Prozent aus. Zahlenmäßig legen vor allem Minijobber zu, die bis zu 400 Euro verdienen: Von 2002 bis 2007 stieg ihre Zahl um 39 Prozent auf gut 700.000. Vor allem Selbstständige arbeiten im Alter häufig weiter.