USA: Das echte Farmleben

„Farm to table“ ist in Colorado ein wichtiger Reisetrend: Regionale Zutaten, umweltbewusst angebaut. Wer sich darauf einlässt, taucht in das Leben und die Arbeit der Farmer ein.

Neue Westfälische, 26. August 2016

Jenseits des Gemüseanbaus: Der Lavendel wird zu Seifen, Lotionen und Ölen weiterverarbeitet.
Jenseits des Gemüseanbaus: Der Lavendel wird zu Seifen, Lotionen und Ölen weiterverarbeitet.
Zwei Dinge legen sich über alles im Tal von Palisade, nahe am Colorado River: die machtvolle Kulisse des Bergs Garfield Peak mit seinen zerklüfteten sandfarbenen Felswänden und der Geruch von Lavendel, der sich mit Anleihen von Zitrusduft unnachgiebig in die Nase drückt. Colorado, dieser Staat in der Mitte der USA, sieht überall anders aus. Grün und waldig ist er etwa in der noblen Skiregion um Aspen. Staubig und heiß ist er hier im Tal, wo sanft die Rocky Mountains auslaufen.

Klassische Landwirtschaft funktioniert unter diesen extremen Bedingungen hier nicht. Für viele, die das Land bewirtschaften, heißt die Lösung: Lavendel. Das Duftkraut ist in Colorado eine Trendpflanze – aber darüber hinaus Motor einer Bewegung, in der Farmer in direkten Kontakt zu ihren Abnehmern kommen: Sie lassen Anbaubetriebe, Hofläden, Restaurants und Hotels zu einer Einheit verschmelzen.

Umweltschonende Betriebe, naturbewusste Kunden

Teil der Bewegung ist Bobby Dery. Er steht da, wo der Kräuterduft am stärksten ist – an der Lavendeldestille auf seiner Farm. Immer wieder füllt er Säcke voller Lavendelzweige in einen Kessel, in dem die aromatischen Blätter von heißem Wasserdampf überströmt werden. Kühlt sich der Dampf in den Rohren des Kupfergeräts ab, entsteht ein Öl mit den Essenzen der Pflanze – Ausgangsstoff nicht für Schnaps, wie bei üblichen Brenngeräten, sondern für Seife, Lotionen oder Kochöl.

Dery betreibt seine Farm namens Sage Creations gemeinsam mit seiner Frau Paola Legarre. „Sie hat den Anbau einfach im Blut“, sagt er. Sie versuchen, der Lavendelproduktion eine Identität zu geben. Vom US-Landwirtschaftsministerium haben sie sich als Bio-Betrieb zertifizieren lassen, einmal im Jahr veranstalten sie das Lavendel-Festival von Colorado. Dann wagen sich mitten im Juni Besucher in die Hitze des Tals, um Produkte aus der Pflanze, Weine oder frische Aprikosen zu kaufen – alles vor Ort hergestellt.

Den Betrieb haben sie vor zehn Jahren aufgebaut, alles möglichst umweltschonend. Durch die Reihen der Felder, die auch Besucher anschauen können, läuft deshalb ein intelligentes Bewässerungssystem, das den Pflanzen exakt so viel Wasser zuführt wie benötigt. Die naturbewusste Kundschaft achtet genau darauf, dass die Ökobilanz stimmt. Zu spüren ist diese Haltung auf den weit verbreiteten Farmers Markets, den Bauernmärkten. Es gibt sie längst auch da, wo für Farmland in der Nähe kein Platz ist – wie in der Hauptstadt Denver, wo Knoblauch, Brokkoli oder Bohnenschoten wie aus einem Füllhorn gepurzelt in großen Säcken an den Ständen stehen.

Nichts wird verschwendet

Weite Wege: Auf den Routen durch die ländlichen Gegenden gehören Fahrten durchs offene Gelände dazu.
Weite Wege: Auf den Routen durch die ländlichen Gegenden gehören Fahrten durchs offene Gelände dazu.
Natürlich ist der Markt nur ein kleiner Teil von dem, was in der Wirtschaft Wertschöpfungskette heißt – und für Freunde traditioneller Herstellung Erlebnis. Gina Marcell aus dem Städtchen Salida im Süden Colorados gibt nicht einen Teil der Kette aus der Hand. Ihr Betrieb Mountain Goat Lodge firmiert als Bed and Breakfast, also als Pension – Besucher kommen aber, weil Marcell so sehr Farmerin wie Gastgeberin ist.

Namensgeber sind die 17 Ziegen, die nur ein paar Meter vom steinernen Gästehaus entfernt im Stall und auf der Weide stehen. Wer hier ausschläft, bringt sich um einen Großteil des Erlebnisses: Morgens, noch vor acht Uhr, melkt Marcell die Ziegen, Zuschauen ist erwünscht. Denn das Ergebnis bekommen die Gäste tagtäglich auf den Tisch. Aufgeschäumte Ziegenmilch kommt zum Frühstück in den Caffè Latte. „Ich mache Buttermilch, Joghurt und zehn Arten Käse. Aus dem Fett vom Frühstücksspeck und aus der Milch stelle ich Seife her. Ich verschwende hier nichts“, sagt die Inhaberin.

Wer nahe an seinen Gästen sein will, muss auch nahe an seinen Tieren sein. Für Lynn Gillespie steht am Abend noch ein Kontrollgang an. Hier, im Tal um die Stadt Paonia, ist die Dichte an Biohöfen größer als im ganzen Rest des Bundesstaats.

Balance zwischen Landwirtschaft und Gastronomie

Wie aus dem Füllhorn: Auf den Bauernmärkten Colorados, wie hier in Denver, sind Obst und Gemüse aus Öko-Anbau gefragt.
Wie aus dem Füllhorn: Auf den Bauernmärkten Colorados, wie hier in Denver, sind Obst und Gemüse aus Öko-Anbau gefragt.
Gillespie und ihre Familie balancieren zwischen Landwirtschaft und Gastronomie. Im Ort betreiben sie ein gleichnamiges Restaurant, in dem sie den Geschmack der Region bündeln. Von der eigenen Farm kommen Gemüse, Käse und Lamm, von etwas weiter her wird das Fleisch für den Elch-Burger geliefert.

Da, wo die örtlichen Zutaten herkommen, beginnt die abendliche Runde in den Gewächshäusern. Anbau nach Öko-Regeln hat wenig mit kitschigen Bildern aus Broschüren zu tun. Bei Gillespie stehen die Bohnenranken und Salatbeete dicht an dicht. Sie hat eine eigene Methode für Wachstum in Hochgeschwindigkeit entwickelt, freilich ohne Spritzmittel – „die Erde, es kommt absolut auf die Erde an“, sagt sie.

Draußen stapft sie an den Zäunen vorbei und gibt den Schweinen etwas Grünschnitt. Das Grunzen vermischt sich mit dem Gurren der Truthähne, die gleich daneben scharren. Im Gehege vor den Ställen drücken sich die Schafe Rücken an Rücken um den Futtertrog. Gillespie hockt sich daneben und verfüttert gemahlenen Hafer aus einer großen Dose. „Das ist das Beste, dafür mache ich das alles“, sagt sie. Hinter ihr lässt der Sonnenuntergang die Regenwolken glühen, die einen weiteren Berggipfel einrahmen. Und auch dessen Kulisse legt sich über alles im Tal.