Wenn sich Winzer an den Strohhalm klammern

Der Artikel über die Weinmesse Prowein ist nach dem Baukastenprinzip entstanden: Zwei Kunden bekamen denselben Basistext, ergänzt um Absätze über Aussteller aus dem jeweiligen Verbreitungsgebiet. Hier zu sehen ist der Artikel, wie er im Main-Echo (Aschaffenburg) erschienen ist. Ein weiterer Kunde war der Südkurier (Konstanz).

Aschaffenburg/Düsseldorf. Bei schlechten Ernten und Konkurrenz aus dem Ausland müssen sich deutsche Weinbauer etwas einfallen lassen, um ihren Wein zu verkaufen. Fränkische Winzer haben ihren Weg gefunden: Sie brechen die Traditionen auf – aber sie stehen zu ihrer Herkunft.

Main-Echo, 6. März 2012

Trockene Tropfen
Trockene Tropfen sind erwünscht: Andrea Paul und Thomas Weiler vom Weingut Fürst Löwenstein auf der Weinmesse Prowein.
Fränkischen Wein gibt es nur im Bocksbeutel? Wein durch den Strohhalm zu trinken ist ein Stilbruch? Daniela Hinners sieht das etwas anders – sie ist Mit-Geschäftsführerin des Weinguts Deppisch in Erlenbach bei Marktheidenfeld. Ein kleiner Traditionsbruch ist hier ein Verkaufsrenner: Er heißt „Josecco to go“, ein Perlwein in einer Miniflasche mit integriertem Strohhalm. „Wenn wir eine große Weinprobe haben, machen wir damit auch die Weinmuffel munter – keiner braucht sein eigenes Glas, da traut sich jeder ran“, sagt Hinners. Das 140 Jahre alte Weingut mit elf Mitarbeitern bewirtschaftet sie mit ihrem Lebensgefährten Johannes Deppisch –die Mini-Weine sollen dabei ein Vorgeschmack auf die großen Tropfen sein.

Das Weingut hat einen Stand auf der Messe Prowein in Düsseldorf, wo sich von Sonntag bis heute knapp 4.000 Aussteller aus 50 Ländern präsentieren, darunter auch Spirituosenhersteller. Die Branchenschau gilt als Leitmesse und verzeichnete in diesem Jahr so viele Aussteller wie noch nie. Die Veranstalter rechneten mit etwa 40.000 Fachbesuchern.

Kein Preiskampf mit Amerikanern

Bei der Auswahl ihrer Kunden sind die Deppisch-Geschäftsführer allerdings wählerisch: Ihre Weine wollen sie nicht im Discounter-Regal sehen: „Wir lassen uns nicht auf einen Preiskampf mit Großerzeugern aus Australien oder Amerika ein“, sagt Hinners. Schon allein von der Menge wäre ein solcher Wettbewerb auch kaum zu schaffen. Deutschlandweit verkauften die Winzer im vergangenen Jahr weniger Wein, weil die Ernte 2010 um ein Viertel geringer ausfiel als im Durchschnitt. 2011 seien jedoch sowohl die Menge als auch die Qualität der Trauben durch das milde Wetter wieder sehr hoch gewesen, teilt das Deutsche Weininstitut (DWI) in Mainz mit.
Im Weinbaugebiet Franken sieht die Lage schlechter aus: Hier sei die Ernte 2011 genauso mager ausgefallen wie im Jahr zuvor, sagt der Geschäftsführer des fränkischen Weinbauverbands, Hermann Schmitt. In der Folge verbuchte etwa die Winzergemeinschaft Franken, der größte Vermarktungsbetrieb der Region, einen Umsatzrückgang von knapp fünf Prozent.

Den Ernterückgang müssten die Winzer durch harte Arbeit an ihrem Produkt ausgleichen: „Wir können in der Weltspitze mithalten“, sagt Schmitt. Vor allem die Rebsorte Müller-Thurgau, die wichtigste im Gebiet, finde derzeit viele neue Freunde. Profilieren wolle sich die Region auch mit ihren Rotweinen, die auf etwa einem Fünftel der Rebfläche angebaut werden, vor allem in Kurfranken.

An den Strohhalm klammern
An den Strohhalm klammern: Für die Winzer Daniela Hinners und Johannes Deppisch muss das nichts schlechtes sein – sie experimentieren mit neuen Produkten.

Die Herkunft schmecken

Bei Deppisch habe die Ernte 2011 nur 30 Prozent der üblichen Menge betragen, sagt Daniela Hinners. Ein Weinberg sei im strengen Frost sogar eingegangen. Die Lösung der Franken: experimentieren. Neues ausprobieren. So bauen die Winzer Rotweine länger im Fass aus, versuchen auch, jüngeren Kunden die Hemmschwelle zu nehmen. „Wer glaubt, er sei nur für die oberen Zehntausend da, ist bald nur noch für die oberen Zehn da“, sagt Hinners. Und ein Weg zum breiteren Publikum ist eben der Wein mit Strohhalm.

Auch ein anderer Tradtitionsbetrieb wendet sich an die Jungen: das Weingut Fürst Löwenstein aus Kleinheubach, 400 Jahre Firmengeschichte, 12 feste Mitarbeiter. Dazu bieten die Winzer einige Weine im unteren Preissegment an – bis zum 35 Jahre alten Kabinettwein. Andrea Paul, Assistentin der Geschäftsleitung, will jedoch keinesfalls die typische Note aus Franken verlieren. Die Weine seien „fränkisch trocken“, wie es oft wenig schmeichelhaft heißt – Tropfen mit wenig Restsüße, die einigen Kunden zu würzig seien. „Für uns ist der Begriff aber nicht negativ besetzt“, sagt Paul. „Wein entsteht eben im Weinberg, da schmeckt man die Herkunft, und das darf auch so sein.“

Die Besinnung auf die Region kommt einem Trend entgegen: Im Weinregal greifen die Kunden immer häufiger zu Flaschen aus ihrem Lieblingsgebiet: „In Zeiten der Globalisierung sucht man seinen Halt vor der eigenen Haustür“, sagt DWI-Sprecher Ernst Büscher.
Dass man die Herkunft noch auf der Zunge schmeckt, wollen auch Daniela Hinners und Johannes Deppisch. Dazu sind seien sie gerne auch mal unbequem: „Wir wollen nicht mit aller Gewalt Wein verkaufen“, sagt Hinners.


DER DEUTSCHE WEINMARKT

Deutsche geben mehr für Wein aus

Den guten Tropfen lassen die Deutschen sich gerne etwas mehr kosten: Wie das Deutsche Weininstitut mitteilt, gaben sie 2011 etwa zwei Prozent mehr für Wein aus. Der Absatz ging dabei um 2,7 Prozent zurück – ein Beleg dafür, dass die Kunden häufiger zu teureren Weinen greifen. Das sind gute Nachrichten für die deutschen Winzer: Sie lieferten zwar nur 43 Prozent des hierzulande verkauften Weins, machten jedoch 51 Prozent des Umsatzes. Insgesamt blieb der Umsatz der deutschen Erzeuger mit rund fünf Milliarden Euro im Einzelhandel stabil, obwohl sie 2010 ein Viertel weniger Most als im Durchschnitt der Jahre geerntet hatten. Durch die schlechte Ernte sank auch der Export leicht um 1,7 Prozent.